Aristoteles - Freiwilligkeit

Einleitung

Das Aufkommen eines Diskurses bezüglich der philosophischen Handlungstheorie ist im Gegensatz zum Diskurs der Ethik eine Neuerscheinung, die vor allem der analytischen Philosophie zu verdanken ist. Der Diskurs fand jedoch soviel Anklang, dass er mittlerweile, aus Sicht der unterschiedlichen Teilbereiche der Philosophie, einen festen Sitz gefunden hat.

Die Diskussion über den Begriff der Handlung und dessen Bezüge zu anderen Begriffen, hat dafür gesorgt, dass bereits verstorbene Autoren, obwohl sie keine explizite Handlungstheorie formuliert haben, jedoch dahingehend interpretiert werden, damit ihre impliziten Theorien für die Forschung fruchtbar gemacht werden können. Dieses Phänomen bezeichnet man allgemeinhin als Dekontextualisierung.

Ein Autor, dessen Texte stark davon betroffen sind, ist Aristoteles. Aus diesem Grund werde ich mich in diesem Essay um einer Darstellung eines Themas widmen, dass entscheidend für die Handlungstheorie ist. Die Frage: „Wann ist eine Handlung als freiwillig, unfreiwillig oder gemischter Natur zu bezeichnen?“

Damit ich dieser Frage nachgehen kann, verwende ich das dritte Buch der Nikomanischen Ethik (Kapitel 1-4), und verfahr wie folgt:

Zunächst werde ich herausstellen, was Aristoteles unter der Unfreiwilligkeit (I) versteht, um dann von diesem Begriff abgegrenzt zu erläutern, was unter der Frewilligkeit (II) zu verstehen ist. Dabei wird sich zeigen, dass nicht jeder Umstand als freiwillig oder unfreiwillig zu bezeichnen ist und werde aus diesem Grund die dritte Kategorie, die, der Handlungen gemischter Natur am vom Aristoteles gewählten Tyrannenbeispiel verständlich machen. Zuletzt (IV) werde ich die wichtigsten Begriff und Bezüge zusammenfassend darstellen.


I – Unfreiwilligkeit

In seinem Text lassen sich zwei maßgebliche Kriterien finden, die festlegen, ab wann eine Handlung unfreiwillig ist. Aristoteles spricht zum einen von der Gewalt und zum anderen von der Unkenntnis, wob ei hier die Unwissenheit gemeint ist. Unwissenheit und unwissend handeln ist klar zu unterscheiden. Während unwissend handeln vermieden hätte werden können, wie z.B. eine Handlung aus Trunkenheit. Eine schändliche Handlung aus Trunkenheit ist eine Handlung, die hätte vermieden werden können, indem die vorausgehende Handlung des Trinkens unterbunden worden wäre. Zwar vollzieht man eine schändliche Handlung in Trunkenheit oftmals unter dem Vorzeichen der Unwissenheit, aber nur deshalb, weil man getrunken hat. Hingegen ist die Handlung des Trinkens mit dem Wissen um die Konsequenzen – Verlust von Vernunft und bedachten Handlungen – keine Handlung aus Unwissenheit.

Eine Handlung aus Unwissenheit hingegen ist eine Handlung, die wissentlich vollzogen wird, jedoch die Konsequenzen der Erwartungshaltung entgegenlaufen. Es kommt weniger auf die Handlung, als vielmehr auf die nicht gewollte Konsequenz an. Aristoteles zeigt dies am Beispiel eines Menschen, der einen anderen Schlägt, dabei aber ungewollt töten. Die Handlung, der Schlag, ist gewollt, doch nicht das Töten. Hier zeigt Aristoteles auch eine Möglichkeit der Validierung, ob ein Mensch diese Tat aus Unfreiwilligkeit oder Freiwilligkeit begann. Zeigt ein Mensch nach einer solchen Handlung Reue und Zeichen für schmerzliches Betroffensein zu zeigen, dann kann die Handlung als unfreiwillig bezeichnet werden. Trifft dies nicht zu, so, nach Aristoteles, kann man hier weder von unfreiwilliger Handlung noch von freiwilliger Handlung sprechen.1 Aristoteles spricht von nicht-freiwilligen Handlung.

Das zweite Kriterium ist das der Gewalt. Wobei Gewalt hier nicht eindeutig ist und eher im Zusammenhang mit den Handlungen gemischter Natur verwendet werden sollte. Wieso, werde ich in III erläutern. Aufgrund dessen möchte ich statt Gewalt von Ursache sprechen. Aristoteles nimmt das Beispiel eines Menschen, der von einem Sturm davon getragen wird. Dieser Mensch handelt in diesem Fall vollkommen unfreiwillig, er ein passiver Akteur in einem System ist, welches er nicht beeinflussen kann: d.h. Der Ursprung des von Ort A zu Ort B versetzten Menschen liegt nicht bei ihm selbst, sondern beim Sturm und somit liegt der Ursprung der Handlung vollkommen außerhalb.2 Des Weiteren ist als Bedingung für die Ursache in diesem Kontext anzugeben, dass der Handelnde oder Leidende keinen Einfluss auf den Verlauf hat. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob es möglich ist, ein aktiver Akteur zu sein und dennoch unter das Kriterium der Unfreiwilligkeit durch Ursachen zu fallen. Denn solange man nicht ausschließlich erleidet und die Möglichkeit hat, irgendwie zu handeln, müssten eher von nicht-freiwilligen Handlungen die rede sein.


II – Freiwilligkeit

Die Grundlegende Bedingung für Freiwilligkeit ist die Möglichkeit von Handlungen. Hier ist es wichtig darauf zu achten, dass es mindestens zwei Möglichkeiten geben muss zu handeln, da sonst nicht von Freiwilligkeit die Rede sein kann. Mithin ist die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit, Optionen zu haben, eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Hinreichend kann sie nicht sein, da je nach Situation, nicht davon ausgegangen werden kann, dass eine Handlung freiwillig geschieht. Nehme man das Beispiel eines Tyrannen, der die Familie in Gewalt hat und die Optionen lässt: Töte Person X oder ich töte deine Familie. Zwar liegen hier Möglichkeiten vor, aber nicht in einem Rahmen, der es zulässt, eine gerechte Handlung zu vollziehen. Dennoch muss man sich entscheiden – voraussichtlich für die Familie und gegen die Person X – doch diese Entscheidung und das ausführen der Handlung ist eine notwendige Entscheidung aufgrund von Handlung gemischter Natur.

Mit der Freiwilligkeit gehen Prozesse einher, die es erst möglich machen, eine zuletzt vollzogene Handlung als Freiwillig zu bezeichnen. Mit diesen Prozessen gehen die Begriffe der Entscheidung, der Überlegung und des Wollens einher, die folgend erläutert werden.

Damit eine Tätigkeit als Handlung anerkannt werden kann, muss vorausgesetzt sein, dass es möglich ist, durch Mittel das Ziel zu realisieren. Liegt ein Wollen vor, dass jedoch nicht zu realisieren ist, wie beispielsweise die Unsterblichkeit, muss man von wünschen sprechen, kann keine sinnvollen Überlegungen dazu anstellen, da es keine Mittel gibt, die zur Realisierung sinnvoll beitragen können und wir können uns nicht sinnvoll für diese Mittel-Zweck-Relation entscheiden. Darin zeigt sich nun auch sogleich der Zusammenhang von Begriffen und Zuständen.

Menschen haben unterschiedliche Ziele, die gewollt werden. Dies ist sozusagen ein Ziel, das angestrebt wird und realisierbar ist mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen. Entscheidung ist das Mittel zwischen diesen unterschiedlichen Zielen zu wählen, sich auf eines der Ziele festzulegen. Erst wenn wir unterschiedliche Zeile haben, die gewollt werden, ist es möglich, sich für ein Ziel zu entscheiden. Mit der Entscheidung für ein Ziel setzt die Überlegung ein. Die Überlegung betrifft die möglichen Mittel mit denen sich das Ziel erreichen lässt, für welches man sich entschieden hat. Aristoteles merkt an, dass Überlegungen nur die Mittel betreffen können, die zum einen Möglich und zum anderen ausführbar sind. Überlegungen bezüglich Dinge a priori, Zufällige oder jene, die mit Ursache und Gewalt Zusammenhängen, können keine Gegenstände der Überlegungen sein, da sie als Mittel nicht anwendbar sind, sprich: nicht in unserer Macht liegen, diese für uns zu nutzen.

Hieraus lässt sich sehen, dass Aristoteles eine Handlung als dann freiwillig anerkennen würde, wenn unterschiedliche Ziele (was ein Mensch will) in Betracht kommen, sodass er sich Entscheiden kann, welches er wählt und somit Überlegungen anstellen kann, mit welchen Mitteln er zu diesem Ziel kommt. Diese Kriterien sind maßgeblich dafür, ob eine Handlung freiwillig ist, oder nicht.

Wichtig ist noch hinzuzufügen, dass Aristoteles keineswegs der Meinung ist, nur gute Handlungen seien freiwillig. Er spricht davon, dass auch eine schändliche Handlung, aus Zorn oder Begierde beispielsweise, als eine freiwillige Handlung zu werten sei, da der Handelnde die Möglichkeit hat, sich zu beherrschen.


III – Handlungen gemischter Natur

Im Gegensatz zu den Handlungen die freiwillig und unfreiwillig getätigt werden, kommt eine weitere Kategorie hinzu, die notwendig ist, zu verstehen, welche Handlungen gleichwohl nicht als freiwillig im oben genannten Sinne zu verstehen sind, aber auch nicht als unfreiwillige Handlungen.

Um dies zu erläutern, möchte ich auf das von Aristoteles gebrachte Beispiel des Tyrannen verweisen:


Was aber aus Angst vor größerem Übel geschieht oder wegen etwas Edlem, etwa wenn ein Tyrann eine schändliche Tat befiehlt und dabei Eltern und Kinder in seiner Gewalt hat und diese gerettet werden können, wenn man sie tut, dagegen sterben müssen, wenn man sie nicht tuut, so besteht hier ein Zweifel, ob man das freiwillig oder unfreiwillig nennen soll.“3


Aristoteles spricht davon, dass diese Handlungen als gemischte Handlungen zu verstehen sind, da sie Aufgrund eines Zwanges vollzogen werden, die mit freiwilliger Handlung nicht viel zu tun hat. Jedoch, so argumentiert Aristoteles, sind diese Handlungen eher der Freiwilligkeit zuzuordnen, denn in dem Moment, in dem man diese Handlungen vollzieht, wie die schändliche Tat für den Tyrannen, handelt man eher freiwillig.

Hingegen spricht Aristoteles auch davon, dass eine solche Handlung unter solchen Umständen allgemein gesprochen als unfreiwillig bezeichnet würde, da ein vernünftiger Mensch eine solche Handlung niemals wählen würde.

Es zeigt sich hier, dass Handlungen, die unter Gewalt4 vollzogen werden, nicht klar von Aristoteles kategorisiert werden. Unter Gewalt ist eine Situation bzw. sind Umstände zu verstehen, die eine Handlung, mag sie auch schändlich sein, vernünftiger erscheinen lassen, als eine Andere.


IV – Zusammenfassung

Aristoteles versteht unter einer unfreiwilligen Handlung all jene, die von außen kommen und uns zwingen zu „handeln“. Das Sturmbeispiel diente als Verdeutlichung seiner Gedanken.

Weiter hin nennt er zwei Formen der Unwissenheit. Die eine Handlung aus Unwissenheit, die damit einhergeht, dass zwar eine gewollte Handlung vollzogen wird, diese aber andere Konsequenzen hat, als erwartet. So derjenige, der einen anderen Schlägt und ihn dabei tötet. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass eher auf die Konsequenz einer Handlung Bezug genommen wird, als auf die Handlung selbst.

Der zweite Typ ist die unwissende Handlung, welche beispielsweise in Trunkenheit vollzogen werden. Handlungen unter diesem Aspekt könnten gleichwohl als unfreiwillig kategorisiert werden, jedoch nicht das Trinken selbst.

Damit nun diese beiden Typen der Unwissenheit als wirklich unfreiwillig akzeptiert werden können, muss, nach Aristoteles, Reue vorliegen. Liegt diese nicht vor, so waren die Handlungen zwar nicht freiwillig, aber auch nicht vollkommen unfreiwillig, sodass Aristoteles hier von nicht-freiwillig spricht.

Als freiwillige Handlung ist bei Aristoteles alles zu verstehen, was Ursprung in dem Handelnden hat. Damit einhergehend ist die Entscheidung, das Wollen und die Überlegung, sowie die Bedingung der Möglichkeit unterschiedlicher Handlungsoptionen maßgeblich. Unter diesen Umständen ist freiwillige, vernünftige Handlung zu verstehen.

Zuletzt wurde noch kurz auf die Handlungen gemischter Natur verwiesen, die vor allem dann auftreten, wenn der Handelnde von einer außer ihm liegenden Macht stark beeinflusst wird, sodass die Entscheidung einer Handlung nicht mehr frei vom Einfluss vom Handelnden getroffen werden kann.

Diesbezüglich stellt sich jedoch die Frage, wie frei ein Handelnder von äußeren Einflüssen sein muss, damit nicht jeder seiner Handlung unter die Kategorie Handlungen gemischter Natur fallen?






Literatur


  • Aristoteles: Nikomanische Ethik. Hrsg. & Übers. Olof Gigon. Deutscher Taschenbuch Verlag München 20108 (Sigle: NE)

1Problematisch ist: die Bewertung, ob eine Handlung als freiwillig oder unfreiwillig zu verstehen ist, leitet sich letztendlich von den Konsequenzen (bei einer Handlung aus Unwissenheit) und dem Verhalten danach ab. Das sagt jedoch nicht viel über die eigentliche Freiwilligkeit aus. So wäre es auch nachvollziehbar einen Menschen mit einem Schlag zu töten, ohne es gewollt zu haben, letztendlich einem dies aber dienlich ist: Reue würde wohl kaum empfunden werden und dennoch war die Konsequenz nicht beabsichtigt. Der Schlag hingegen wurde als durchaus gewollte Handlung vollzogen und somit als Freiwillige.

2Auch hier ist es fraglich, ob die Rede von Gewalt, die vollkommen von außerhalb kommt und einen „Akteur“ ausschließlich erleiden lässt, was mit ihm geschieht, ohne Möglichkeiten eine Handlung zu vollziehen, überhaupt von Handlung gesprochen werden kann. Den Handeln setzt einen Handelnden voraus. Aus diesem Grund möchte ich bezüglich dieses Beispiels lieber von Ursache sprechen als von Gewalt.

3NE 1110a4-7

4Gewalt ist im Unterschied zur Ursache hier so zu verstehen, dass der Akteur durchaus ein Handelnder ist, indem er zumindest zwei Optionen hat zu handeln.

12.2.12 19:23

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


King of Iron Fist (8.5.17 19:10)
Das ist ja mal mega gut! Vielen Dank

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